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Grußrede zur Eröffnung der VHGW-Schau in Erfurt 2010

Sehr geehrte Frau Ministerpräsidentin,

verehrte Gäste,

liebe Züchterfreundinnen und Züchterfreunde

Wir leben im Jahr 2010. Das weiß jeder. Was nicht jeder weiß, 2010 ist das Jahr der Biodiversität.

Biodiversität bedeutet biologische Vielfalt. Die Natur ist voller Vielfalt. Der Mensch, ein Produkt dieser Vielfalt, unternimmt aus Gründen des Kommerzes alles nur erdenklich Mögliche, diese Vielfalt einzuengen. Der Planet Erde ist auf dem besten Weg, ein Planet der Einfalt zu werden.

Dem gilt es gegenzusteuern. Die Wissenschaft hat nachhaltig erkannt, dass Leben nur durch Vielfalt gesichert werden kann. Ein Beispiel: Der Thunfisch wird in den Weltmeeren trotz Fangquotenreglementierung nach wie vor überfischt. Die Folge ist, dass sich Quallen, von denen sich der Thunfisch ernährt, extrem vermehren. Quallen fressen Fische. Auf ihren Raubzügen haben sie schon zahlreiche Aquakulturen, also Fischfarmen im offenen Meerwasser, völlig zerstört.

Was haben Biodiversität, Thunfisch und Quallen mit der VHGW-Schau zu tun, werden Sie sich fragen. Auf den ersten Blick nichts, auf den zweiten Blick verdeutlicht dieses Beispiel, was in der Erhaltungszucht geschieht, welche die Züchter des Verbandes der Hühner-, Groß- und Wassergeflügelzüchtervereine zur Erhaltung der Arten- und Rassenvielfalt, kurz VHGW genannt, sicher stellen.

Seit nahezu 100 Jahren sichern Züchter des VHGW die enorm große Rassepalette von über 130 Rassen aus sieben verschiedenen Arten. Durch die Zucht werden nicht nur Gene erhalten, die das äußere Erscheinungsbild wie Form, Federwerk und Farbbild wiedergeben, sondern auch Leistung und Verhalten.

Leistung ist nicht nur Fleischansatz oder Eierproduktion, wie uns die Wirtschaftsgeflügelzucht weismachen will. Leistung ist auch Robustheit gegenüber einer lang anhaltenden Schlechtwetterperiode oder winterlichen Frostgraden. Leistungen sind  auch Fleischansatz und gute Legeserien ohne teures Hochleistungsfutter. Leistung ist auch eine starke Abwehrkraft gegenüber Krankheitskeimen. Viele weitere Leistungsbeispiele ließen sich anführen.

Diese Leistungen kann das hochgezüchtete Wirtschaftsgeflügel nicht mehr erbringen. Ändert sich die Marktlage, der Konsumentenanspruch oder das Bewusstsein der Öffentlichkeit gegenüber tierschutzwidrigen Tierhaltungen, braucht man die biologische Vielfalt. Ist der Thunfisch jedoch ausgerottet, versiegt die Vielfalt.  Oder anders ausgedrückt, ohne die Vielfalt an Geflügelrassen, welche die VHGW-Züchter erhalten, ist die kommerzielle Wirtschaftsgeflügelzucht in Bedrängnis.

Vielfalt heißt auch, unterschiedliche Verhaltensparameter beim Geflügel zu sichern. Es gibt Rassen, die von Natur aus weit ins Gelände expandieren, um im Gras auf emsige Futtersuche zu gehen. Auf der anderen Seite gibt es Rassen, die sich nicht weit vom Stall entfernen. Es gibt Rassen, die gerne fliegen und es gibt flugfaule Rassen. All diese Eigenschaften sprechen den einen Halter mehr, den anderen weniger an. Letztlich sichert die Vielfalt an Verhalten, an Aussehen und Leistung, dass sich verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Rassen beschäftigen und sie erhalten.

Was heute an Rassepotenzial überhaupt nicht gefragt ist, kann morgen der absolute Renner sein. Vergleicht man Erhaltungszucht mit Wissenschaft, dann liefern die VHGW-Züchter die Grundlagenforschung, während die Wirtschaftsgeflügelzüchter spezielle Forschung betreiben. Leider wurde in der Wissenschaft die Grundlagenforschung in der Vergangenheit genauso stiefmütterlich behandelt wie die Erhaltungszucht bei den VHGW-Züchtern. Das hat sich seit einigen Jahren in beiden Fällen geändert.

Nach eindringlichen Worten aus der Wissenschaft hat die Öffentlichkeit und damit auch die Politik die Schlagworte Biodiversität, Sicherung von genetischen Ressourcen oder Erhaltung alten lebendigen Kulturgutes in Form von Arten und Rassen nicht nur zur Kenntnis genommen, sondern ist überzeugt von der Wichtigkeit dieser grundlegenden Arbeit.

Was die Öffentlichkeit und vor allem die Politik mit ihren nachgeordneten bürokratischen Einrichtungen noch längst nicht erkannt haben, ist die Tatsache, dass für die Sicherung der biologischen Vielfalt Menschen vorhanden sein müssen, die sich dieser Aufgabe mit Leib und Seele annehmen. Sie nehmen dafür enorme Entbehrungen in Kauf. Sie verzichten auf einen üblichen Urlaub, denn Tiere wollen an 365 Tagen im Jahr versorgt sein. Sie investieren enorm viel Zeit in ihre Arbeit und nicht unerhebliche Finanzmittel. Ein solches Engagement wird heute immer seltener.

Der Staat sollte dankbar sein, solche Menschen in seinen Reihen zu haben. Er sollte sie überall unterstützen, weil sie die Arbeit machen, für die sich der Staat im internationalen Übereinkommen zur Sicherung der biologischen Vielfalt von 1992 verpflichtet hat.

Doch das genaue Gegenteil ist der Fall. Der Züchter wird überhäuft mit bürokratischen Hürden, die nicht nur Zeit und Geld kosten, sondern auch Verdruss hervorrufen. Sie werden schikaniert mit einer völlig verfehlten Aufstallungsverordnung. Innerstädtische Auflagen zerstören Erhaltungszuchten. Das Bebauungsgesetz verbietet im Außenbereich den Stallbau für Erhaltungszuchten, weil er möglicherweise im Landschaftsbild stören könnte. Die Politik unternimmt alles Mögliche, um die Erhaltungszuchten  zu erschweren und damit vielerorts zu zerstören. Die Politik ist nichts anderes als eine hoch industrialisierte Thunfischfangflotte, die massiv negativ in das Gleichgewicht eingreift, um auf das Anfangsbeispiel zurückzukommen. Die bürokratischen Institutionen sind die Quallen, die die Aquakulturen bzw. die Erhaltungszuchten vernichten.

Nicht alle Politiker sind gleich. Es gibt schon welche, die erkannt haben, dass den Lobpreisungen auf Erhaltungszuchten auch Taten folgen müssen, damit diese Erhaltungszuchten eine Grundlage haben. Ansonsten wird die Palette der vom Aussterben bedrohten Rassen immer größer.

Liebe Freunde der Rassegeflügelzucht, Sie haben heute die Möglichkeit bei einem Schaurundgang über 7000 Tiere, welche von den Züchtern des VHGW erhalten werden, in Augenschein zu nehmen. Sie werden eine enorme Formen- und Farbenvielfalt erkennen und ganz schnell zu der unweigerlichen Entscheidung kommen, dass diese Vielfalt erhalten werden muss.

Doch sie ist in großer Gefahr. Die Gründe wurden genannt. Sie können sich in der Abteilung Rote-Liste ein Bild machen von der Exklusivität von Rassen, die vor dem Aussterben stehen. Schauen Sie sich diese Rassen an. Vielleicht ist es das letzte Mal in ihrem Leben, eine solche Rasse zu sehen.

Nicht zuletzt freuen wir uns aber, dass trotz all der momentanen Erschwernisse in der Erhaltungszucht die VHGW-Schau 2010 einen Aufwärtstrend gegenüber den Vorjahren genommen hat. Das zeugt vom enormen Engagement der Züchter, bei denen ich mich an dieser Stelle herzlich bedanken möchte. Bedanken möchte ich mich aber auch bei dem Ausstellungsleiterteam, allen voran Gudrun und Hans-Georg Schönthal, die mit viel Erfahrung und noch mehr Herzblut eine wundervolle VHGW-Schau in die Erfurter Hallen gezaubert haben. Zum Gedenken an unseren verstorbenen Ehrenvorsitzenden führen wir die Schau als Heinz-Möller-Gedächtnisschau durch.

Genießen Sie die Pracht der Tiere, lassen sie sich anstecken von dem positiven Virus der Erhaltungszucht von Rassegeflügel.